Wie lange gibt es noch billiges Erdöl?

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(Internetveröffenlichung vom Juni 2004)

Aufgeschreckt durch die derzeit hohen Preise für Heizöl und Benzin wurde in der Öffentlichen Diskussion wieder einmal die „Ökosteuer“ als der Sündenbock ausgemacht. Dies war Anlass, auch einmal genauer nachzufragen, wie das mit der Versorgung mit fossilen Energieträgern so aussieht? Wie lange eigentlich noch preisgünstig Erdöl und Erdgas zur Verfügung stehen werden? Dabei mussten wir erschreckt feststellen, dass sich die Hinweise zunehmend verdichten, dass die langfristige Versorgung mit billigem Öl vielleicht doch nicht ganz so gesichert sein könnte, wie allgemein angenommen wird.

Wenn manche Zeitgenossen behaupten: "De wern scho wieda wos finden, weils in de sibzger Jahr des a scho gsagt ham, dass as Öl ausgeht und ausganga is no ned", dann mag dies vielleicht beschwichtigend für den Einzelnen sein, widerspricht aber deutlich den derzeit gesicherten Erkenntnissen und Beobachtungen.

In der von der Bundesregierung beauftragten und im Juli 2000 veröffentlichten Studie Fossile Energiereserven (nur Öl und Erdgas) und mögliche Versorgungsengpässe aus Europäischer Perspektive, wird eindringlich der Sorge Ausdruck verliehen, dass in der öffentlichen Diskussion der sich anbahnende Engpass in der Versorgung mit fossilen Energieträgern nicht wahrgenommen wird und dass die Politik auf diese Herausforderung kaum reagiert. Allenfalls wird die Ökosteuer im Ränkespiel der Parteien als Sündenbock für die hohen Benzinpreise herangezogen.

Aus dieser Studie und anderen Veröffentlichungen zusammengefasst, sprechen folgende Punkte dafür, dass wir uns insgesamt auf steigende Energie- und Rohstoffpreise einstellen müssen:

  • Einschränkend für die Ölversorgung ist die maximal mögliche Fördermenge der Ölquellen. Diese kann nicht beliebig gesteigert werden. Wenn die Vorkommen ungefähr zur Hälfte ausgebeutet wurden, dann sinkt diese maximal mögliche Fördermenge wieder ab (Glockenkurve der Ausbeutung von Erdölquellen nach Hubbert). Bei vielen Erdölquellen (z.B. Nordseeöl) ist dieser Scheitelpunkt bereits heute überschritten.

  • Mit den seit 1995 gemachten neuen Funden an „konventionellen“ (leicht zugänglichen) Erdölquellen kann knapp der Weltenergiebedarf eines Jahres gedeckt werden. Die großen Erölfunde wurden bereits vor Jahrzehnten entdeckt.

  • Shell, der weltweit drittgrößte erdölverarbeitende Konzern, stuft seine eigenen Erdölvorräte um 20 Prozent herunter. Bei gleich bleibender Fördermenge errechnet sich damit eine Reichweite von 11 bis 13 Jahren.

  • China hat eine exponenziell wachsende Wirtschaft mit einem entsprechend zunehmenden Hunger an Energieträgern und Rohstoffen. China ist innerhalb weniger Jahre zum zweitgrößten Erdölverbraucher nach den USA angewachsen. Die dadurch eintretende Verknappung auf den Rohölmärkten lässt zukünftig steigende Energiepreise erwarten.

  • Die OPEC-Staaten sind die Hauptförderländer für Rohöl. Die Unruhen im Nahen Osten, beispielsweise im Irak, lassen erahnen, dass diese Region auch langfristig politisch sehr instabil bleiben wird. Dies hat erheblichen Einfluss auf die Preise für die Rohstoffe aus dieser Region.

  • Die so genannten „Nichtkonventionellen“ Ölquellen (Ölschiefer, Ölsande, Schwerstöle, Tiefseeöle, usw.) sind, wenn überhaupt, nur unter erheblichem finanziellen und technischen Aufwand nutzbar zu machen und können keinesfalls die konventionellen Ölvorkommen ersetzen.

  • Die Kernenergie bestreitet weit unter 10 Prozent des Weltenergiebedarfs. Bei einer Erhöhung auf 20 Prozent reicht diese Energiequelle gerade mal 20 Jahre. Dann sind alle Reserven an Uran verbraucht. Die Entsorgungsproblematik ist jedoch weiterhin ungeklärt!

Aus diesen Erkenntnissen heraus steht zu befürchten, dass die Energiepreise zukünftig nicht mehr billiger werden. Dies werden wir innerhalb weniger Jahre deutlich zu spüren bekommen. Dabei spielt die Ökosteuer dann kaum mehr eine Rolle. Welche weltpolitischen, wirtschaftlichen und ggf. militärischen Folgen dies zukünftig haben könnte, darüber kann nur spekuliert werden.

 

Was hat das alles mit uns zu tun?

Umweltschutz im Allgemeinen und Maßnahmen zur Reduzierung des Verbrauchs an fossilen Brennstoffen im Speziellen werden von vielen noch als „Soft-Skills“ der Politik betrachtet, die zwar wünschenswert sind, die aber nur dann vielleicht durchgeführt werden, wenn Geld übrig ist. Wenn jedoch die oben aufgeführten Thesen zutreffen, dann ist es dringend notwendig, dass die Reduzierung der fossilen Brennstoffe frühzeitig zu den Kernfragen einer zukunftsorientierten Politik gerechnet werden müssen. Dies betrifft die Politik auf Bundes- und Landesebene ebenso wie die Kommunalpolitik.

Es ist jedoch zu befürchten, dass diesbezüglich eine vorsorgende Politik von Politik und Gesellschaft genauso verantwortungslos verpennt wird, wie beim Thema „Demografischer Wandel“, wo ein Bewusstsein über dessen gesamte Tragweite erst dann entstand, als die ersten Auswirkungen schon unmittelbar vor der Haustüre standen (Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme, Wegbrechen von kleineren Schulen, Kindergärten, etc.). Die Folgen dürften beim Thema Energie jedoch ungleich schwer wiegender sein. War der Irak-Krieg noch weit weg - wie wird es aber beim nächsten Krieg um Rohstoffe sein? Können wir das dann auch noch bequem vom Wohnzimmersessel aus in den Nachrichten mit verfolgen?

Wir können zwar die Weltpolitik nicht ändern. Aber vor Ort ist jeder Landkreis, jede Gemeinde und jeder Einzelne aufgefordert, dazu beizutragen, dass unser Land Schritt für Schritt unabhängiger wird von den fossilen Energieträgern. Beispielsweise durch...

  • verstärkten Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen im Bereich Gebäudeheizung (zentrale Hackschnitzelheizung, Pellets, etc.)
  • Überprüfung von öffentlichen Gebäuden bezüglich Heizungstechnik und Isolierung
  • Förderung von Energiesparmaßnahmen (Heizungstechnik, Isolierung, Fenster) in Neubaugebieten ebenso wie in den Altbeständen.
  • Maßnahmen zur Wärmedämmung, die anstatt einer Erneuerung der Fassadenfarbe mittelfristig zu geringeren Energiekosten führen werden.

Das sind die Aufgabenfelder vor Ort. Hier ist Überzeugungsarbeit, sind tragfähige Konzepte notwendig. Das ist wirkliche AGENDA21. Es geht um unsere Zukunft, und vor allem um die Zukunft unserer Kinder. So hoffnungsvolle Beispiele wie in der Gemeinde Furth dürfen nicht sinnlos werden, nur deshalb, weil jeder meint, irgendwie wird´s schon wieder weiter gehen. Und dieses Thema können und müssen wir gemeinsam aufgreifen (überparteilich), damit sich wirklich was bewegt. Öl wird nicht mehr billiger. Im Gegenteil!

(Verf.: G. Raschel)

 


Literatur

Fossile Energiereserven (nur Öl und Erdgas) und mögliche Versorgungsengpässe aus Europäischer Perspektive, Vorstudie der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH im Auftrag der Bundesregierung erstellt; Veröffentlicht Juli 2000;
(Im Internet: www.energiekrise.de/news/docs/TAB_Studie_komplett.pdf

www.lbst.de Internetseite der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH; Die LBST unterstützt die Industrie, die Politik sowie Nicht-Regierungsorganisationen durch Systemstudien, Einführungsszenarien, Technologiefolgenabschätzungen und der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen Energie (erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Treibhauseffektes, Solar-Wasserstoff, Brennstoffzellen), Transport (verbesserte Schienentransportsysteme, Verknüpfung mit dem Straßentransport, Antriebssysteme für Strassenfahrzeuge und umweltverträglichere Verkehrskonzepte), Kraftstoffe und Energieträger (Wasserstoff und Erdgas)  

Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen 2002 - Die Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) erstellt; darin werden die Verfügbarkeiten der Energieträger und deren Perspektiven unter technologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen analysiert; erschienen 2002;
(Im Internet: www.bmwa.bund.net)

Erdöl und Politik - Veröffentlichung des Bund Naturschutz München (Arbeitskreis Energie); Blahusch, Gerhard, Dr.; Eder, Winfried; Remm, Rudi; Teichelmann, Thomas; Schalper, Erika; Juni 2004
(Im Internet: www.bn-muenchen.de/oel/oel_main.shtml)

Zuviel getankt - Autokäufer und -hersteller wollen immer schnellere Fahrzeuge. Jetzt bekommen sie die Rechnung präsentiert: Der Preis für Benzin steigt; Von Blume, Georg; Fischermann, Thomas; Vorholz Fritz; erschienen in: „Die Zeit“ Nr. 23, 2004;
(Im Internet: www.zeit.de/2004/23/Oelkrise )

Jenseits von Öl und Atom - Jetzt reden alle von alternativen Quellen. Aber die große Preiskrise lässt sich nur vermeiden, wenn wir weniger Energie verbrauchen; Vorholz Fritz; erschienen in: „Die Zeit“ Nr. 25, 2004;
(Im Internet: www.zeit.de/2004/25/85l_2fAtom )

Gier nach Erz und Öl - Die riesige Nachfrage aus China hebt die Weltmarktpreise für Rohstoffe dauerhaft an; Blume, Georg; Vorholz, Fritz; erschienen in: „Die Zeit“ Nr. 22 vom 19.05.2004;  
(Im Internet: www.zeit.de/2004/22/Rohstoffe )

Abschied von Kohle, Öl und Atom - Die Energiewende hat längst begonnen. Eine Zwischenbilanz; Jänicke, Martin; erschienen in: „Die Zeit“ Nr. 18, 2004;
(Im Internet: www.zeit.de/2004/18/E-Energiewende )

Der wichtigste Preis der Welt - Die Menschheit kommt nicht los von der schwarzen Droge: Dreißig Jahre nach der ersten Ölkrise ist die Wirtschaft abhängiger denn je; Uchatius, Wolfgang; erschienen in „Die Zeit“ Nr. 8, 2003;
(Im Internet: www.zeit.de/2003/08/85l_2fProsperit_8at )

Der blaue Schock - Vor dreißig Jahren erschien der erste Bericht des Club of Rome: "Die Grenzen des Wachstums" Hohensee, Jens;, erschienen in: Die Zeit“ Nr. 16, 2002;
(Im Internet: www.zeit.de/2002/16/200216_a-clubrome_xml )

Ölvorrat - Die schwarze Droge; Trotz Krisen und Kriegen: Der Westen hat sich nie aus der Abhängigkeit vom Öl befreit. Muss er jetzt dafür bezahlen? Vorholz, Fritz; erschienen in: „Die Zeit“ Nr. 42, 2001;
(Im Internet: www.zeit.de/2001/42/200142_weltoel_xml )

Die Ölpreiskrise – ein Warnsignal für die zukunftsfähige Energiepolitik?!; Thesenpapier zum Kamingespräch der Umwelt-Akademie der TU München vom 01. Dezember 2000 in München; Diskussionsteilnehmer: Prof. Dr.-Ing. Ulrich Wagner, TU München; Dipl.-Kfm. Jörg Schindler, Ludwig Bölkow Systemtechnik GmbH; Dr.-Ing. Bernhard Nill, Ludwig Bölkow Stiftung;
(im Internet: www.die-umwelt-akademie.de/veranstaltungen/T8.html )

Ölschatz; Ristau, Oliver; erschienen in: „Frankfurter Rundschau“ vom 25.05.2004
(Im Internet: www.fr-aktuell.de/ressorts/wirtschaft_und_boerse/wirtschaft/?cnt=442592 )

Ölrausch mit Nebenwirkungen - Die Quellen des schwarzen Goldes versiegen und der Preis für den Nachschub steigt; Ristau, Oliver; erschienen in: „Frankfurter Rundschau“ vom 25.05.2004
(Im Internet: www.fr-aktuell.de/uebersicht/alle_dossiers/politik_ausland/treibhaus_erde/?cnt=442590 )

Die strategische Achillesferse der USA? - Der Irak und das Problem der schrumpfenden Ölfördermengen; Engdahl, F. William; erschienen in: „Zeit-Fragen“ - Schweizer Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung; Nr.48/49 vom 22.12.2003;  
(Im Internet: www.zeit-fragen.ch/ARCHIV/ZF_112b/T04.HTM )

Ölreserven - Endgültig Schluß mit lustig?; Friebe, Richard; erschienen in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 21 vom 23.05.2004;
(Im Internet: www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/ATpl~Ecommon~Scontent.html);

Die Autofahrer geben trotz der hohen Spritpreise weiter Gas -  Laut BP gibt es eine überraschend starke Nachfrage aus China; erschienen in: „Landshuter Zeitung“ vom 24.05.2004;

Saudi-Arabien plant Erhöhung der Ölförderung - Preisniveau für Rohöl bleibt unverändert hoch; erschienen in: „Landshuter Zeitung“ vom 25.05.2004;

 

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